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Taubblindendienst

der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) e.V.

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Allein wohnen - in Gemeinschaft leben

September 2009 "Gegenwart", Magazin für blinde und sehbehinderte Menschen und ihre Freunde

Allein wohnen – in der Gemeinschaft leben. Viele taubblinde Menschen leben in Einrichtungen und erfahren dort Sicherheit und Gemeinschaft. Andere suchen nach einer Wohnform, die mehr Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit ermöglicht. Dass sich beides miteinander verbinden lässt, beweist ein Pilotprojekt zum ambulant betreuten Wohnen. Ein Besuch beim Taubblindendienst in Radeberg.

Die vier Mitglieder des Leitungsteams der Taubblindengruppe der Blinden- und Sehbehindertenvereine Nordrhein-Westfalen lassen sich mitsamt ihren vier Assistentinnen auf das Abenteuer Deutsche Bahn ein und fahren von Essen über Berlin bzw. von Köln über Frankfurt nach Dresden. Dort werden wir von Manuela Müller, einer Mitarbeiterin des Taubblindendienstes, in Empfang genommen und mit einem kleinen Bus nach Radeberg verfrachtet. Sinn und Zweck der weiten Reise: Kennenlernen der neuen Selbsthilfegruppe Taubblinde in Sachsen und der ebenfalls neuen Einrichtung "Ambulant betreutes Wohnen für taubblinde/hörsehbehinderte Menschen" in Radeberg.

Deutschlandweit gibt es inzwischen neun Selbsthilfegruppen. In Nordrhein-Westfalen bestehen neben der Taubblindengruppe der Blinden- und Sehbehindertenvereine, in denen sich Taubblinde aus der Gehörlosenkultur und der hörenden Welt zusammenfinden, zwei Selbsthilfegruppen von Usher-Gehörlosen in Recklinghausen und Köln. Allerdings sind die Grenzen fließend, die Veranstaltungen der einzelnen Gruppen stehen allen offen und werden unabhängig von einer Mitgliedschaft genutzt – wer so isoliert lebt, wie viele taubblinde Menschen es zwangsläufig tun, der nimmt jede Gelegenheit wahr zu Austausch und Kommunikation.

Das Treffen der Taubblindengruppe Sachsen findet in den Gemeinschaftsräumen der Dreikönigskirche in Dresden statt. Insgesamt sind 35 Personen gekommen – von Mal zu Mal werden es mehr, stellt Manuela Müller vergnügt fest. Die Nordrheiner und Westfalen stellen ihre Aktivitäten vor. Es gibt viele Rückfragen aus dem Publikum, vor allem zu der für alle Betroffenen zentralen Frage: Wie steht es mit der Assistenz? Wann endlich wird der besondere Bedarf taubblinder Menschen anerkannt? Die Assistentinnen aus Nordrhein-Westfalen berichten über die acht Monate dauernde Ausbildung in Recklinghausen und die von dem taubblinden Diakon Peter Hepp durchgeführte Qualifikationsmaßnahme in Rottweil.

Am folgenden Tag lernen die taubblinden Besucher aus Nordrhein-Westfalen das ambulant betreute Wohnen in Radeberg kennen. Eine neu eingerichtete Vibrationsampel lässt uns die Pillnitzer Straße sicher überqueren; nach 200 Metern stehen wir vor dem zweistöckigen, frisch renovierten Wohnhaus. Peter R., ein Bewohner des Hauses, zeigt uns stolz die von ihm selbst mit leuchtend orangefarbenen Blumen bepflanzte Rabatte vor dem Haus. Auf der Rückseite des Hauses erklärt Ruth Zacharias, Geschäftsführerin des Taubblindendienstes, den Zweck eines überdimensionierten Hochbeets: "Jeder Mieter kann ein sechs Quadratmeter großes Stück für sich beanspruchen und nach eigenen Vorstellungen bepflanzen." Um die Hausecke herum finden wir eine Sitzecke mit Gartentischen und Stühlen, ausreichend für 20 bis 30 Personen, ein Grillplatz soll später eingerichtet werden.

Schließlich besichtigen wir in der ersten Etage eine Wohnung, die noch nicht bezogen ist. Große, helle Räume, Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad, Internetanschluss, Telefon, Rufanlage – genug Platz auch für zwei Personen. Wir setzen uns im Gemeinschaftsraum des Hauses Dammweg 1 um einen großen Tisch und lassen uns von Frau Zacharias das in Deutschland einmalige Projekt erklären: Die Bewohner haben ihre Wohnung zu einem Preis von 4,50 Euro pro Quadratmeter gemietet. Sie können ihren Alltag und ihr privates Leben selbst nach ihren Bedürfnissen und Wünschen organisieren, ohne die Isolation zu fürchten, die das Leben vieler Taubblinder unerträglich macht. Eine der sechs Wohnungen des Hauses ist der Gemeinschaft vorbehalten: Dort kann gefeiert und können Gäste bewirtet werden. Außerdem steht allen Hausbewohnern ein voll ausgestatteter Computer zur Verfügung. Zwei erfahrene Trainer haben diese Anlage geprüft und sind voll Anerkennung. Schon gibt es eine Vereinbarung für das kommende Jahr: ein Computer-Kurs für die Radeberger.

Für Hilfe, Beratung und Begleitung gibt es bislang einen Heilerziehungspfleger, Erdmann Kaube. Jedem Bewohner stehen elf Stunden Betreuung pro Woche zu. Da diese Wohnform für taubblinde Menschen bundesweit Modellcharakter hat, entschied die zuständige Landesbehörde des Freistaates Sachsen: Für drei zu betreuende Personen steht ein Mitarbeiter zur Verfügung und leistet Hilfe in den Bereichen Kommunikation, Wohnen und alltägliche Lebensführung, Bildung und Freizeit. Zur Konzeption des Modells gehören aber nicht nur Selbstbestimmung und Gemeinschaft, sondern auch eine sinnvolle Beschäftigung. Im weiteren Aufbau der Arbeitsbereiche des Taubblindendienstes soll deshalb eine geeignete und sinnvolle Arbeit für alle Betreuten organisiert werden – ob in der Gärtnerei, im Botanischen Blindengarten, beim Basarverkauf oder der Imbissversorgung für die Gartenbesucher.

Zurzeit wohnen vier Taubblinde im Dammweg 1 und ein weiterer in einer anderen Wohnung in Radeberg. Zwei Wohnungen sind im Dammweg noch frei. Und Frau Zacharias plant weiter: Das unmittelbar angrenzende Grundstück Dammweg 3 mit 1.000 Quadratmetern wird gekauft, um nach dem Abriss des alten Gebäudes einen Neubau mit sechs weiteren Wohnungen für den gleichen Zweck zu bauen.

Die Besucher hören staunend zu und beginnen zu träumen. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es zahlreiche taubblinde Menschen, denen nach diesem Modell ein selbstbestimmtes Leben ohne Isolation ermöglicht werden könnte. Bevor wir auseinander gehen, planen wir ein großes bundesweites Selbsthilfetreffen taubblinder Menschen, das in Radeberg stattfinden soll. Themen gibt es genug: Assistenz, Dolmetscher, Wohnen für taubblinde Menschen, die Anerkennung der Behinderung "taubblind" und die Selbstvertretung in einem eigenen Verband.

Ursula Benard, Leiterin der Fachgruppe für Taubblinde und Hörsehbehinderte der Blinden- und Sehbehindertenvereine in Nordrhein-Westfalen

 

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