Logo Taubblindendienst

Taubblindendienst

der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) e.V.

Logo: Diakonie Fachverband

 

.

Rezensionen zu "Duft und Farbe - Gärten werden zu Oasen"

Ein verzauberndes Fachbuch

Rezension zu Ruth Zararias „Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen", erschienen 2019 in edition winterwork

Als ich dieses Buch vor wenigen Wochen das erste Mal in die Hand nahm, eher spontan und neugierig und weniger suchend oder systematisch, war ich schnell gefangen und vereinnahmt. Das war verwunderlich schon deshalb, weil ich die Autorin seit dreißig Jahren und den Radeberger Botanischen Blindengarten in seiner Entstehung von Anfang an kenne.

Ich konnte dort mehrfach erleben, wie blinde, taubblinde und mehrfachbehinderte Kinder im Radeberger Garten förmlich die Augen aufrissen, das Duftende suchten und nach Berührungen strebten. Diese Erfahrungen wiederholten sich regelmäßig und die Eltern der Kinder waren tief beeindruckt. Offenbar ein besonderer Garten an einem besonderen Ort!

Dass dies nicht wundersam, sondern systematisch erwartet werden kann, belegen Zacharias und Back im Kapitel 2 „Sinneswahrnehmung". In diesem Kapital werden bekannte Erkenntnisse mit neuem Wissen verknüpft und erhalten eine neue fachliche Dimension. Die beschriebene pränatale Entwicklung in der Anlage der Sinneswahrnehmung ist von besonderem Wert für alle die, die insbesondere geburtstaubblinden, mehrfachbehinderten und blinden Kindern die Chance auf eine bessere Entwicklungsperspektive geben wollen. Das betrifft Eltern wie Frühpädagogen und Psychologen.

Nach den Kapiteln 3 und 4, die insbesondere für Architekten und Gärtner, aber auch für alle, die Verantwortung für den Bau und die Gestaltung von Objekten für Blinde und in Sonderheit für Taubblinde haben, widmet sich die Autorin
• den kleinen Pflanzenporträts,
• der Harmonie und der Architektur der Düfte und
• Fragen der Gestaltung duftender Gärten.
Hier ist es von Vorteil für den Leser, dass eine blinde Autorin die Inhalte beschreibt und Düfte und taktile Qualität nicht durch den visuellen Eindruck erschlagen werden.

Solche Abschnitte wie „Harmonische Düfte einzeln oder zusammengeweht" bis hin zum „Stinkgarten" systematisieren die Geheimnisse der Pflanzenduftwelt.
Mit der abschließenden Kategorisierung der Pflanzen nach ihren Duftqualitäten gelingt eine neue wissenschaftliche Leistung von hohem Wert. Ein mit Akribie zusammengestelltes Verzeichnis von 1100 Pflanzen ist der I-Punkt einer einmaligen Leistung.
Das Buch selbst ist insgesamt auch ein Genuss, weil es schöne und eindrucksvolle Bilder und Schemata aus dem Botanischen Garten aufgenommen hat und auf gutem Papier gedruckt ist.

Dr. Gert Heinicke, Am Wildpfad 5, 03130 Spremberg


Rezension des Buches „Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen" von Ruth Zacharias

Prof. Dr. Michael Gebauer

Mit dem kürzlich erschienenen Buch „Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen" wendet sich die Autorin all jene, denen Wohlergehen, Rehabilitation und gesellschaftliche Teilhabe blinder und insbesondere taubblinder Menschen durch den Zugang zu eigens zu diesem Zweck gestaltete Gärten im Sinne therapeutischer Naturerfahrungs-Räume am Herzen liegt. Es richtet den Blick auf das therapeutische Potenzial, das eigenes für Kinder und Erwachsene mit derartigen Beeinträchtigungen der Sinnesorgane gestaltete Gärten bieten und wendet sich daher an all jene, die privat, beruflich oder ehrenamtlich mit diesem Personenkreis in Kontakt sind: Eltern, Angehörige, Gartentherapeutinnen und -therapeuten, Gärtnerinnen und Gärtner, Landschaftsplanerinnen und -planer sowie Pädagoginnen und Pädagogen in rehabilitations- bzw. förderpädagogischen Schulen und Bildungseinrichtungen. Es ist daher zum überwiegenden Teil ein Buch für die Praxis, das als bisher einziges, derart umfassendes Werk seiner Art im deutschsprachigen Raum uneingeschränkt empfehlenswert ist.
Die Autorin, Frau Ruth Zacharias, selbst erblindete Pastorin, hat durch unermüdliches Engagement in den zurückliegenden rund 30 Jahren mit Unterstützung durch die evangelische Kirche, die Landespolitik, die kommunale Verwaltung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung sowie ein weit gespanntes Netzwerk ehrenamtlicher Förderer und Helfer das Taubblindenzentrum „Storchennest" mit dem angegliederten Botanischen Garten als Einrichtung der Diakonie in Radeberg nahe Dresden erschaffen. Gegenwärtig umfasst das Gartengelände eine Fläche von rund 22.000 Quadratmeter, gegliedert in die Villa „Storchennest" und weitere Nutzgebäude, den Botanischen Garten sowie einen ökologisch bewirtschafteten Nutzgarten zur teilweisen Selbstversorgung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Gäste sowie der Taubblinden im angegliederten betreuten Wohnen. Der Garten ist barrierefrei, mit in Braille-Schrift gekennzeichneten Handläufen versehen und eigens angelegt für die besonderen Bedürfnisse und Fähigkeiten blinder und taubblinder Menschen, was bedeutet, er ist mit einer Vielzahl von Duft- und Tastpflanzen zur sanften Stimulierung der ansonsten stark eingeschränkten Sinneswahrnehmung sowie zu gartentherapeutischen Maßnahmen zur Förderung der Teilhabe sehbehinderter Menschen durch gärtnerische Tätigkeiten gestaltet.
In dem Buch selbst und der Aufbau der darin enthaltenen Kapitel teilt die Autorin in einer sachkompetenten und zugleich sehr persönlichen Art und Weise ihre besonderen Kenntnisse und Erfahrungen mit, die biografisch geprägt sind von der eigenen Erblindung einerseits und der beruflich geprägten Rückbindung an den christlichen Glauben als Pastorin andererseits. Zunächst wird die Einrichtung selbst und deren Geschichte kurz geschildert und eindrucksvoll durch zahlreiche Fotografien und Abbildungen veranschaulicht. Im Anschluss folgt ein umfangreiches, zum überwiegenden Teil von Professor Tobias Back von der TU Dresden verfasstes Kapitel zu Sinneswahrnehmung, welches den aktuellen Forschungs- und Erkenntnisstand zum Tast- und Geruchssinn im Allgemeinen sowie im Hinblick auf die besondere Bedeutung dieser Sinne für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und -behinderungen darstellt. Es wird ergänz durch grundlegende Überlegungen zur Verknüpfung von Sinneswahrnehmung und Gärten, die auf einem von Frau Karolin Linker aus Zürich anlässlich einer Tagung mit dem Titel „Gärten und Sinne" gehaltenen Vortrag beruhen.
Das nächste Kapitel wendet sich sehr praxisnah dem Gärtnern mit sehbeeinträchtigten Menschen zu und gibt Empfehlungen hinsichtlich der vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten der Begegnung mit Zimmer- Balkon- und Terrassenpflanzen sowie im Hausgarten. Hier finden sich ebenfalls zahlreiche Hinweise, was bei der Planung und Gestaltung von barrierefreien, leicht zugänglichen Gartenanlagen aus Sicht von blinden und taubblinden Menschen zu beachten ist. Abgerundet wird dieser Teil des Buches durch zahlreiche Portraits, Abbildungen sowie Listen von Duft-Pflanzen, die durch den von ihnen verströmten, intensiven Geruch beim Riechen das große Spektrum unterschiedlicher Wahrnehmungsqualitäten aufzeigen. Überhaupt weist das Buch im Anhang ein umfangreiches Verzeichnis von weit über 1000 zumeist im „Storchennest vertretenen Duftpflanzen (sowie einigen wenigen Tastpflanzen) auf, das einen unschätzbaren Wert für all diejenigen Praktiker darstellt, die selbst gartengestalterisch tätig sind. Im letzten Teil des Buches fasst die Theologen und mehrfach von Gartengesellschaften ausgezeichnete Autodidaktin ihre eigenen biografischen Erfahrungen hinsichtlich der herausragende Bedeutung von Naturbegegnung mit den verbliebenen Sinnen zusammen und erweitert den Blick in Richtung der besonderen Lebenssituation taubblinder Menschen.
Zusammengefasst wird hier ein von Erfahrung gesättigtes, theoretisch fundiertes und zugleich praxistaugliches Buch vorgelegt, das viele Anregungen und Beispiele dafür aufweist, wie Gärten für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen in sinnvoller Weise gestaltet werden können, um die einzigartige Vielfalt von zugänglichen Sinnesqualitäten zur Bereicherung des persönlichen Erfahrungsschatzes und damit zugleich zur nachhaltigen Steigerung der Lebensqualität dieses Personenkreises beizutragen.


Rezension von Angelika Traub

Ruth Zacharias ist den Mitgliedern der „Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V." als erste Preisträgerin des Alma de l'Aigle-Preises bekannt, der ihr 2013 im Rahmen der Jahrestagung in Kassel verliehen wurde. Diese Auszeichnung, so die mit dem 10. Lebensjahr erblindete Autorin im Vorwort, gab den entscheidenden Impuls zum vorliegenden Buch. Es vermittelt ihren subjektiven Zugang zum Erlebnisraum Garten, der blinden – und erst recht taubblinden Menschen – einen ganz eigenen Wahrnehmungs- und Bedeutungshorizont erschließt.
Mit dem Botanischen Blindengarten ist es Ruth Zacharias gelungen, ein bis heute einzigartiges Projekt mit Modellcharakter zu etablieren. Der Garten ist ein lebendiger Begegnungsort und entfaltet therapeutische Kraft für blinde und taubblinde Menschen, die als Gäste den Botanischen Blindengarten erleben und für die taubblinden Menschen im Ambulant Betreuten Wohnen.
Die vielfarbige Collage persönlicher Erkenntnismomente, historischer Anekdoten zur Entstehung des Gästehauses und tiefer Glaubensüberzeugung macht das emphatische, kämpferische und streitbare Engagement der Autorin deutlich, ohne dass dieses Projekt nicht hätte Wirklichkeit werden können. Aus intensiver eigener Erfahrung im Umgang mit Pflanzen erkennt Ruth Zacharias den grundlegenden Wert für ein gesundes, liebevolles „in der Welt sein".
Für Blinde und Taubblinde wirkt die sinnliche Ausstrahlung der Pflanzen als wichtiger und belebender Impulsgeber. Neben den taktilen Qualitäten kommt hier dem Duft der Pflanzen besondere Bedeutung zu. Zacharias fordert: „Wenn Pflanzendüfte so vielfach das Wohlbefinden fördern, dann haben gerade taubblinde Menschen ein Recht auf sie."
Die Autorin belässt es aber nicht bei diesem Apell. Eine wesentliche Leistung des Buches liegt in der grundlegenden Vermittlung einer auch für Landschaftsarchitekten neuen Perspektive, denn gestalterische Konzepte sind in der Landschafts- und Gartenarchitektur bisher nahezu ausschließlich visuell geprägt.
Die Komplexität menschlicher Naturerfahrung durch Riechen und Tasten und deren unmittelbare psychische (und physische) Wirkung erschließen sich aus den anschaulichen Beiträgen zu Tast- und Geruchssinn von Prof. Dr. Tobias Back (Neurologe, Sächsisches Krankenhaus Arnsdorf).
Die gezielte Ansprache der Sinne bedingt aber eine „Wahrnehmungsgestaltung" und einen „Zusammenklang" der Sinne, bemerkt Karolin Linker (Sinnwerk Kulturver­mittlung, Zürich) ergänzend. Diese Wahrnehmungsgestaltung ist Ruth Zacharias ein besonderes Anliegen. Analog zu einer visuell geprägten Gartenkultur entwickelt sie erste Konturen einer „Architektur der Düfte". Das ist ein mutiges Unterfangen, denn Düfte sind flüchtig und lassen sich auch verbal nur schwer definieren. Zacharias typisiert dennoch einundzwanzig unterschiedliche Duftnoten und kombiniert über zwanzig harmonische Düfte, teilweise mit exakten Angaben für die Anzahl der Pflanzen, um ein „Zuviel des Guten" zu vermeiden.
So ist der Titel „Duft und Farbe" in dieser neuen Reihung als Apell für „Sinn-volle" erweiterte Perspektiven in der Gartenkultur zu lesen und bietet auch für Schulen und Hochschulen ein lehrreiches Angebot – vor allem kann es als wertvolle Ergänzung des planerischen Arsenals im therapeutischen Umfeld genutzt werden. Konkrete, vielfach im „Storchennest" erprobte Lösungen formulieren erstmals einen klaren Qualitätsstandard, an dem sich künftig öffentliche Anlagen messen lassen müssen.

Ruth Zacharias: Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen
edition winterwork 2019
Gebundene Ausgabe, 154 Seiten,
mit 87 Farbfotos aus dem Botanischen Blindengarten Radeberg
Bezug über Ruth Zacharias ruth.zacharias@web.de
sowie den Buchhandel: ISBN 978-3-96014-576-9


Rezension von Dr. Siegfried Sommer

Radeberg ist weithin bekannt für des „Königs Tafelgetränk". Es birgt aber noch einen weiteren Schatz, der es verdient bekannt zu werden. Das ist der Garten für Sehbehinderte und Blinde. Er entstand während der letzten Jahrzehnte unter Anleitung der Autorin, der als Jugendliche selbst erblindeten Pastorin Ruth Zacharias. Ihr Buch ist mehr als ein Gartenführer. Es vermittelt den Leserinnen und Lesern die Möglichkeiten der Erlebbarkeit von Ausdrucksmitteln der Pflanzen. Das Entstehen des Blindengartens wird spannend geschildert. Er wäre ohne großzügige staatliche und kommunale Hilfe sowie durch das uneigennützige Engagement eines Planungsbüros nicht möglich gewesen. Wichtig war es dabei der Autorin neben dem Haus für taubblinde Menschen, deren Leiterin sie ist, einen Garten entstehen zu lassen. Dieses Buch ist daher auch eine Anleitung zur Anlage und zum Aufbau eines Gartens für Taubblinde . Dafür ist der Abschnitt: „Was Planer bedenken sollten" besonders hilfreich. Dieser außerordentlich vielseitig erlebbare Garten ist meines Wissens der einzige seiner Art im deutschsprachigen Raum. Ein Schwerpunkt des Buches ist eine Auswahl von Pflanzen-Arten und -Sorten die sich durch besondere Duftqualitäten auszeichnen, zu denen auch Kulturanleitungen vermittelt werden. Ein Besuch des Gartens ist für Blinde wie für Sehenden zu allen Jahreszeiten empfehlenswert und ein besonderes Erlebnis.


Gedanken zur Rezension von Landschaftsarchitekt Michael Herz

Gedanken zur Ästhetik
• Wichtiger Beitrag für die Profession der Landschaftsarchitekten, da hier ein Ansatz formuliert ist, eine Kenntnis- und Diskussionslücke in der Profession der Landschaftsarchitekten zu besetzen
• Gestalterische und ästhetische Konzepte basieren derzeit fast ausschließlich auf einer starken visuellen Dominanz
• „Grundsteinlegung" einer Ästhetik der 5 Sinne- auch wenn der Sehsinn in der Regel der am häufigsten bewusst gebrauchte Sinn ist, wird die derzeitige ästhethische Ausrichtung der Landschaftsarchitektur in vielen Fällen der Komplexität menschlicher Sinneswahrnehmung nicht mehr gerecht
• Beitrag zum Widerstand gegen eine Verarmung der menschlichen Sinneswahrnehmung - „Reanimation" der Sinne.

Zum Thema Duft
• Insbesondere das Thema Duft und Pflanze wird in einer Wissenstiefe dargestellt, das sonst für Landschaftsarchitekten und Gärtner kaum verfügbar ist
• Fundament des Wissens: der Garten Storchennest, der nicht nur Freifläche einer Einrichtung und Rückzugsraum für blinde und taubblinde Menschen ist, sondern auch Experimentierraum und „Gartenlabor" in der Kombination und dem Zusammenspiel von Düften
• dieses Fachwissen ist (meiner Meinung nach) einzigartig und nur durch langjährige Erfahrungen zu erlangen
• Das Wissen von Duftkombinationen ist ansonsten eher dem Berufsstand der Parfümeure vorbehalten.

Profit für die Profession und die Lehre
• Die Kombination von Farben in Beetbepflanzungen und jahreszeitlichen Aspekten ist bislang das einzig anerkannte und praktizierte „Handwerkszeug" des überwiegenden Teils der Landschaftsarchitekten und Gärtner
• Auch in der Lehre (Berufsschule, Hochschulen) werden zwar in der Pflanzenverwendung bspw. Duftqualitäten einzelner Pflanzen gelehrt, meines Wissens aber nicht die Kombination von Düften
• Das Buch stellt einen Beitrag zu einer Begegnung der 5 Sinne „auf Augenhöhe" dar
• Hoffnung: Impuls zu einer Forschung auf weiteren Gebieten der Sinneswahrnehmung, wie z.B. „hörbare Landschaften"
• Wichtiger Beitrag zur Anreicherung des öffentlichen Raums in Parkanlagen, Kinder- und Schulgärten, medizinische Einrichtungen und natürlich Einrichtungen für demenziell erkrankte Menschen.


Dieser Artikel wurde bereits 257 mal angesehen.