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Der besondere Garten

05.09.2011, Sächsische Zeitung
Von Bernd Goldammer und Jens Fritzsche

Insgesamt 141 botanische Gärten gibt es im deutschsprachigen Raum Europas. Aber nur einen Botanischen Blindengarten. Der ist an der Pillnitzer Straße in Radeberg zu finden – und feierte am Wochenende sein 15. Jubiläum. Die Idee dahinter ist dabei eine wunderbare: Seit 1993 betreut der Taubblindendienst des Diakonischen Werkes in der Villa "Storchennest" im Radeberger Süden Menschen, die weder hören noch sehen können. Zur schmucken Villa - die ihren Namen ihrer einstigen Bestimmung als Geburtsklinik verdankt – gehört auch ein großer Park. Als der Taubblindendienst 1993 hier mit seiner Arbeit begonnen hatte, war dieser Park allerdings noch weitgehend Wildnis gewesen. Ein regelrechter Urwald. Aber schnell war dann die Idee gereift, mitten in diese Wildnis hinein einen solchen Botanischen Blindengarten zu gestalten. Ein Garten, der es taubblinden Menschen ermöglicht, Pflanzen zu riechen und zu berühren und in dem sie sich auf eineinhalb Kilometern Wegstrecke an einem Handlauf aus Edelstahl, versehen mit Orientierungshilfen in Blindenschrift ohne fremde Hilfe bewegen und über die Pflanzen informieren können.
Verbindung zwischen Welten

Ein Fakt, der zum Beispiel auch Ulrich Schuld begeistert. Er ist fast taub und fast blind und ist inzwischen von Dresden nach Radeberg gezogen, "weil die Betreuung hier für meine Bedürfnisse zugeschnitten ist", sagt er. "Was mir gefällt, ist die Freiheit, die sich hier für mich bietet – ich kann Hilfe in Anspruch nehmen, wo ich sie brauche, und bleibe dennoch mein eigener Herr!" Und er sagt noch etwas, das für Außenstehende überraschend erscheint: "Kommunikation wird hier groß geschrieben, hier können Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsgraden mit einander ins Gespräch kommen." Der Blindengarten und das Storchennest verbinden sozusagen Welten – die Welt der Taubblinden, ohne Licht und Geräusche, mit der der Hörenden und der Sehenden. Diese für Außenstehende so ungewöhnliche Kommunikation läuft dabei über Gebärdensprache und die für Taubblinde entwickelte Hand-Tast-Sprache; Lormen genannt. "Dadurch wird die Vereinsamung der taubblinden Menschen durchbrochen", beschreibt Storchennest-Verwaltungsleiter Gerold Augart. Dafür braucht es engagierte, bestens ausgebildete Helfer. Einer davon ist zum Beispiel Erdmann Kaube. Er ist Heilerziehungspfleger und beschreibt seine Motivation, hier im Radeberger Storchennest zu arbeiten so: "Mich begeistert es, taubblinden Menschen ein Helfer zu sein." Längst ist der Botanische Blindengarten auch ein beliebtes Ausflugsziel für die gesamte Region geworden. Behinderte, aber auch nicht behinderte Besucher, lieben den Park – und holen sich beispielsweise auch zahlreiche Tipps für den eigenen Garten. Auf heute etwa 20.000 Quadratmetern gedeihen rund 1.300 Pflanzenarten, darunter rund 700 Duftpflanzenarten, die ja gerade die Besonderheit dieses Botanischen Blindengartens ausmachen.

 


Hier sehen Sie auch unseren kleinen Bilderbericht vom Gartenfest.

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